Ein Geschäftsführer braucht Rat zu einer Transaktion. Er fragt drei Leute, bekommt fünf Namen und ruft am Ende zwei an. Alle fünf Kanzleien sind fachlich in der Lage, die Sache zu führen. Alle fünf schreiben es auch, meist mit denselben Wörtern. Warum genau diese zwei angerufen wurden, könnte er selbst kaum begründen, und genau darin liegt die Aufgabe.

Kompetenz ist die Eintrittskarte, nicht der Grund

Im Beratungsgeschäft wird Qualität vorausgesetzt. Niemand wählt zwischen einer kompetenten und einer unfähigen Kanzlei; die Auswahl besteht bereits aus Häusern, denen man die Sache zutraut. Was innerhalb dieser Auswahl entscheidet, ist deshalb definitionsgemäß nicht Kompetenz.

Das ist für viele Partner schwer anzunehmen, weil ihre gesamte Ausbildung auf fachliche Tiefe zielt und ihr Selbstverständnis daran hängt. Der Gedanke, dass die Wahl an etwas anderem hängt, wirkt wie eine Abwertung der Arbeit. Sie ist keine. Sie ist eine Aussage über den Moment der Auswahl, nicht über die Qualität der Leistung.

Der Mandant kann die Qualität vorher nicht beurteilen. Er kauft eine Leistung, deren Ergebnis er nicht vorwegnehmen kann, von jemandem, dessen Handwerk er nicht beherrscht. Was ihm bleibt, sind Anhaltspunkte, und Anhaltspunkte sind Zuschreibungen.

Warum alle Kanzleien dasselbe schreiben

Wer die Selbstbeschreibungen von zehn Wirtschaftskanzleien nebeneinanderlegt, findet dieselben vier Bausteine: eine Aufzählung der Rechtsgebiete, ein Hinweis auf Internationalität, ein Satz über persönliche Betreuung und ein Wort wie pragmatisch oder lösungsorientiert.

Das ist kein Mangel an Sorgfalt, sondern eine Folge der Risikoaversion. Jede zugespitzte Aussage schließt etwas aus, und Ausschließen fühlt sich an wie Mandate verlieren. Also bleibt jede Formulierung so weit, dass sie nichts abweist, und genau deshalb behält sie niemand.

Die Rechnung geht anders auf, als sie sich anfühlt. Eine Aussage, die alle einschließt, wird von niemandem erinnert. Eine Aussage, die vier von fünf Fällen ausschließt, macht die Kanzlei für den fünften zur ersten Adresse. Der fünfte Fall ist meist der, der sich lohnt.

Flucht identischer Nussbaumtüren entlang eines Hofgartens, ganz hinten steht eine offen

Die Mandatsfrage

Ob eine Positionierung tatsächlich existiert, lässt sich ohne Marktforschung klären. Wir nennen das Verfahren die Mandatsfrage, und es dauert eine Partnerrunde.

Man nimmt die letzten fünf gewonnenen Mandate. Zu jedem wird eine einzige Frage beantwortet: Welchen Satz hat der Mandant gesagt, als er erklärte, warum er sich für uns entschieden hat? Nicht die Vermutung der Kanzlei, sondern der Wortlaut des Mandanten.

Meist stellt sich heraus, dass diese Sätze nie erfragt wurden. Das ist bereits der halbe Befund, denn es bedeutet, dass die Kanzlei ihre eigene Wirkung nur vermutet.

Wo die Sätze vorliegen, zeigt sich eines von drei Bildern. Entweder wiederholt sich ein Muster, dann existiert eine Positionierung und es fehlt nur ihre Verbreitung. Oder die Sätze nennen durchweg eine Person, dann trägt nicht die Kanzlei, sondern ein Einzelner. Oder sie nennen Verfügbarkeit und Preis, dann ist die Kanzlei austauschbar und weiß es nun.

Warum Spezialisierung sich falsch anfühlt und richtig rechnet

Der häufigste Einwand gegen eine engere Positionierung lautet, man verliere damit Mandate. Das stimmt für die Breite und stimmt nicht für die Summe.

Eine Kanzlei, die für alles offen ist, kommt bei vielen Anfragen in die zweite Runde und bei wenigen in die erste. Eine Kanzlei, die für einen bestimmten Fall die Adresse ist, kommt bei weniger Anfragen vor, dafür an erster Stelle. Erste Plätze werden beauftragt, zweite werden verglichen.

Dazu kommt ein Effekt, den viele unterschätzen: Wer für eine Sache steht, wird für angrenzende Sachen mitgefragt. Der Mandant, der wegen einer Nachfolge kommt, bringt die Umstrukturierung mit, weil er den Weg schon kennt.

Der Verlust ist real und liegt woanders, als befürchtet. Man verliert nicht Mandate, sondern die Bequemlichkeit, keine Entscheidung treffen zu müssen.

Was an die Stelle der Kompetenzbehauptung tritt

Die Alternative ist nicht Lautstärke, sondern Präzision an drei Stellen.

Erstens der Fall statt des Rechtsgebiets. Ein Mandant hat kein Gesellschaftsrecht, er hat einen ausscheidenden Gesellschafter und zwei Kinder, die nicht übernehmen wollen. Wer den Fall beschreibt, wird von dem gefunden, der ihn hat.

Zweitens die Haltung statt der Aufzählung. Eine Kanzlei, die sagt, wann sie von einem Verfahren abrät, sagt mehr über sich als eine, die ihre Erfolgsquote nennt.

Drittens die Sprache der Mandanten statt der Sprache des Fachs. Was im Schriftsatz präzise ist, ist in der Außendarstellung eine Hürde. Der Mandant sucht nicht nach dem Paragraphen, sondern nach seiner Lage.

Diese drei Verschiebungen kosten kein Budget, sondern eine Entscheidung. Sie sind deshalb schwerer durchzusetzen als eine Kampagne, denn sie verlangen, dass eine Partnerschaft sich auf einen Satz einigt, hinter dem alle stehen. Genau daran scheitern die meisten Versuche, und nicht am Text.

Zwei Sessel einander zugewandt vor einem Innenhof mit Olivenbaum

Was die eigenen Leute sagen

Es gibt einen Test, der weniger als zehn Minuten dauert und regelmäßig unangenehm ist. Man fragt fünf Berufsträger des Hauses getrennt voneinander, wofür die Kanzlei steht, und schreibt die Antworten mit.

Fallen fünf unterschiedliche Antworten, ist das kein Kommunikationsproblem, sondern der Befund selbst. Was innen nicht in einem Satz gesagt werden kann, kann außen nicht ankommen, weil jede dieser fünf Personen dieselbe Kanzlei unterschiedlich vertritt.

Der Effekt reicht weiter als in die Außendarstellung. Wer nicht weiß, wofür das Haus steht, kann kein Mandat ablehnen. Und die Fähigkeit, Mandate abzulehnen, ist der genaueste Gradmesser einer Positionierung, den es gibt.

Umgekehrt gilt: Wo fünf Antworten ähnlich klingen, ist die Arbeit fast getan. Dann fehlt nur noch, den Satz nach außen zu tragen, statt ihn im Haus zu behalten.

Was Rankings leisten und was nicht

Verzeichnisse und Rankings sind in diesem Geschäft wichtig, aber sie werden regelmäßig an der falschen Stelle eingeordnet. Ein Mandant nutzt sie, um eine Wahl zu prüfen, die er im Kopf bereits getroffen hat. Sie bestätigen, sie erzeugen nicht.

Deshalb ist eine Sichtbarkeitsstrategie teuer, die vollständig auf Rankings ruht. Sie wirkt auf die letzte Prüfung und nicht auf die erste Nennung, und die erste Nennung entscheidet, wer überhaupt in die Auswahl kommt.

Die erste Nennung entsteht dort, wo jemand nach einer Lage sucht und nicht nach einer Kanzlei. In Suchergebnissen, in Fachbeiträgen, in Empfehlungen von Steuerberatern und Banken, und zunehmend in der Antwort einer Maschine, die aus all dem zwei Namen macht.

Wie eine Kanzlei ihren Fall beschreibt

Der Übergang von der Rechtsgebietsliste zur Fallbeschreibung klingt nach einer Textaufgabe und ist eine Denkaufgabe. Er beginnt mit einer Frage, die im Haus selten gestellt wird: In welcher Lage befindet sich jemand, kurz bevor er uns anruft?

Die Antwort ist nie ein Rechtsgebiet. Sie ist eine Situation mit Beteiligten, Fristen und einer unangenehmen Entscheidung. Ein Gesellschafter will raus und die anderen können ihn nicht auszahlen. Ein Vertrag läuft aus und niemand hat die Verlängerung angestoßen. Ein Kaufinteressent hat eine Frist gesetzt, die zu kurz ist.

Wer diese Lagen aufschreibt, hat den Text bereits. Er muss nur noch die Fachsprache herausnehmen, ohne die Präzision zu verlieren, und das ist die eigentliche Arbeit.

Der Nutzen ist doppelt. Nach innen zwingt die Übung zur Entscheidung, welche Lagen das Haus tatsächlich am besten löst. Nach außen findet genau der Mandant den Text, der sich in der beschriebenen Lage wiedererkennt, und er erkennt sich schneller wieder als in jeder Aufzählung von Paragraphen.

Drei bis fünf solcher Lagen genügen. Mehr verwässert wieder, weniger wirkt zufällig.

Drei Anzeichen, dass die Positionierung fehlt

Erstens: Mandate kommen fast nur über persönliche Netzwerke. Das ist stabil, solange die Personen bleiben, und endet mit ihnen.

Zweitens: Honorargespräche beginnen früh und werden hart geführt. Wer keinen erkennbaren Unterschied bietet, wird über den Preis verglichen. Bemerkenswert ist dabei, dass dieselbe Kanzlei bei Bestandsmandanten selten über das Honorar diskutieren muss. Der Unterschied liegt nicht in der Leistung, sondern darin, dass der Bestandsmandant weiß, wofür er zahlt.

Drittens, und am aussagekräftigsten: Fragt man fünf Anwälte des Hauses, wofür die Kanzlei steht, kommen fünf verschiedene Antworten. Was innen nicht in einem Satz gesagt werden kann, kann außen nicht ankommen.

Wie sich das Außenbild systematisch erheben lässt, steht in Signature Brand Audit: Was ein Markenaudit prüfen muss. Der schnelle Selbsttest, ob ein Haus ohne Namen erkennbar bleibt, ist die Signaturprobe.

Der Einstieg ist unspektakulär. Man beantwortet die Mandatsfrage für fünf Mandate, schreibt drei Lagen auf, und prüft mit den eigenen Leuten, ob dieselbe Antwort zurückkommt. Das sind zwei Termine, keine Kampagne.

Eine Kanzlei muss nicht bekannter werden. Sie muss für einen bestimmten Fall die Adresse sein, an die man zuerst denkt. Alles andere folgt daraus.

Häufige Fragen

Was ist Kanzlei-Branding?

Kanzlei-Branding legt fest, wofür eine Kanzlei steht, bevor ein Mandant mit ihr spricht: in welcher Kategorie sie erscheint, mit welchen Worten Dritte über sie sprechen und welchen Fall man ihr zutraut. Es ersetzt keine fachliche Qualität, es macht sie zuordenbar.

Warum reicht fachliche Exzellenz nicht als Positionierung?

Weil sie vorausgesetzt wird. Kein Mandant wählt zwischen einer kompetenten und einer inkompetenten Kanzlei, sondern zwischen drei, denen er die Sache grundsätzlich zutraut. Exzellenz ist die Eintrittskarte in diese Auswahl, entschieden wird innerhalb der Auswahl.

Was ist die Mandatsfrage?

Ein Prüfverfahren: Man nimmt die letzten fünf gewonnenen Mandate und fragt bei jedem, welchen Satz der Mandant gesagt hat, als er erklärte, warum er sich entschieden hat. Wiederholt sich ein Muster, ist die Positionierung vorhanden und nur unzureichend verbreitet. Wiederholt sich nichts, gibt es keine.

Schadet Spezialisierung dem Mandatsvolumen?

Kurzfristig verengt sie das Feld, mittelfristig erweitert sie es. Eine Kanzlei, die für einen Fall die erste Adresse ist, wird für angrenzende Fälle mitgefragt. Eine Kanzlei, die für alles offen ist, wird für nichts zuerst genannt.

Wie wichtig sind Rankings und Verzeichnisse?

Sie sind Bestätigung, nicht Ursache. Ein Mandant prüft mit ihnen eine Wahl, die er im Kopf schon getroffen hat. Deshalb ist es teuer, die gesamte Sichtbarkeit auf Rankings zu stützen: Sie beeinflussen die letzte Prüfung, aber nicht die erste Nennung.

Woran erkennt eine Kanzlei, dass ihre Positionierung fehlt?

Daran, dass Mandate fast ausschließlich über persönliche Netzwerke kommen, dass Honorargespräche früh und hart geführt werden, und dass die eigenen Anwälte auf die Frage nach dem Profil der Kanzlei unterschiedliche Antworten geben.

08.09.2026

Martin Holoubek
Martin Holoubek

Founder & Brand Architect bei PIXIT. Überzeugt, dass Markenarchitektur das wertvollste Kapital einer ikonischen Marke ist und dass Distinktion über Zyklen hinweg entscheidet.

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